Jon Krakauer

In die Wildnis - Allein nach Alaska

Schon wieder ein Buch von John Krakauer? Bereits im Juli hatte ich sein Buch "In Eisige Höhen" vorgestellt. Angesteckt von Krakauers Schreibstil habe ich danach "Auf den Gipfeln der Welt" und "In die Wildnis" regelrecht verschlungen. Da mir letzteres so gut gefallen hat, gibt es eine kleine Rezension.

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"SOS, ich brauche Ihre Hilfe. Ich bin schwer verletzt, dem Tode nah. Ich bin zu schwach um hier wegzukommen. Ich bin ganz allein. Dies ist kein Scherz. In Gottes Namen, bitte gehen Sie nicht weg, bitte retten Sie mich. Ich bin nicht weit, gehe Beeren sammeln. Bin gegen Abend wieder da. Danke, Chris Mc Candless (August?)"

Einen Zettel mit dieser beunruhigenden Mitteilung fand ein junges Pärchen aus Anchorage am 6. September 1992 an einem alten Bauwagen am Stampede Creek, mitten in der Wildnis von Alaska. Es stellte sich schnell heraus, dass die alarmierende Botschaft kein Scherz gewesen war, denn in dem Wagen wurde die mittlerweile schon verweste und stark abgemagerte Leiche von Chris Mc Candless gefunden, einem jungen Mann von der amerikanischen Ostküste.

Mc Candless war zwei jahre lang kreuz quer durch Nordamerika getrampt und hatte allerhand Abenteuer erlebt, bis er sich im Frühling des Jahres 1992 für sein letztes großes Abenteuer, dem Überleben in der Wildnis, bereit machte. Ohne eine adäquate Ausrüstung, die für das Überleben in den Wäldern von Alaska notwendig gewesen wäre - in der Tat hatte Mc Candless kaum mehr dabei als einen 50-Pfund-Sack Reis, ein Kleinkalibergewehr, ein paar Gummistiefel und ein paar persönliche Habseligkeiten - machte er sich auf, um sich einen jahrelangen Traum zu erfüllen - und scheiterte letztendlich.

Die Geschichte von Mc Candless - der sich bis zum Ende nur noch "Alexander Supertramp" nannte - ging damals durch alle amerikanischen Zeitungen: Warum sollte ein junger Mann aus reichem Elternhaus, mit einem abgeschlossenen Studium und einer vielversprechenden Zukunft eine solche Dummheit begehen? Der amerikanische Journalist Jon Krakauer recherchierte anhand von Tagebucheinträgen, Postkarten und Gesprächen mit Leuten, die Mc Candless in seinen letzten beiden Jahren getroffen hatte, die Beweggründe für seine Tat, zunächst für die Zeitung Outside, später aus persönlicher Faszination für ein ganzes Buch. Das Ergebnis dieser Recherche ist ein absolut authentisches, packendes und auch verstörendes Buch, das einen Blick auf das Leben des jungen Mannes wirft und sein Handeln unter verschiedenen Gesichtspunkten zu klären versucht.

Denn Chris Mc Candless war nicht nur - wie ihm nach seinem Tod oft vorgewurfen wurde - naiv, dumm und respektlos gegenüber der Natur, immerhin hatte er weit über 100 Tage ganz allein in der Wildnis überlebt. Er war vielmehr von starken Idealen geprägt und von dem starken Willen, ein asketisches und (in seinem Sinne) sinnvolles Leben zu führen; hin Chris Mc Candlessund wieder drängt sich der Verdacht auf, das Mc Candless schlicht und einfach zur falschen Zeit, also im falschen Jahrhundert, geboren wurde. Mit Vorliebe verschlang er Bücher von Leo Tolstoi, Jack London und Henry David Thoreau, und ohne Übertreibung kann man sagen, dass er versuchte, seinen Lebensstil nach diesen Autoren bzw. deren Romanfiguren zu richten.

Jon Krakauer nimmt den Leser in seinem Bericht schnell für sich ein, und es scheint fast unmöglich, keine Sympathien für Mc Candless zu entwickeln.
Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die ein wahre, außergewöhnliche Geschichte lesen wollen, muss aber gleichzeitig warnen, dass das Buch Fernweh und widersinnigerweise Sehnsucht nach der Wildnis verursacht - ob dies an Krakauers Schreibstil oder an der Sache an sich liegt, lässt sich kaum feststellen. Die Tatsache, das dies alles wirklich passiert ist - so war ich gerade 12 geworden, als Mc Candless in einer Hütte am Stampede Trail auf seine Rettung wartete - lässt das Buch begreiflicherweise noch mehr unter die Haut gehen. Die letztendliche Frage - war Chris Mc Candless einfach dumm, naiv und gedankenlos, war er zu stürmisch und trotzig oder tat er tatsächlich etwas, wozu uns der Mut fehlt ?- kann der Leser für sich selbst beantworten. Für viele Menschen jedenfalls scheint er zu einer Art Kultufiugr geworden sein zu sein.

Das Buch ist inzwischen von verschiedenen Verlagen aufgelegt worden, die gebundene Ausgabe kostet nur 9 Euro (!!! nachdem die alte gebundene Ausgabe aus dem Piper Verlag etwa 40 Mark gekostet hat), die Taschenbuchausgabe kostet nur 8,90 Euro - beide sind damit absolut erschwinglich und sehr zu empfehlen.

Auszug:

"Er war überglücklich, dort zu sein. Auf eine verwitterte Sperrholzplatte, die von innen über ein kaputtes Fenster genagelt war, kritzelte Mc Candless eine schwärmerische Unabhängigkeitserklärung:

'Zwei Jahre durchstreift er die Welt zu Fuß. Kein Telefon, keine liebgewonnenen Haustiere, keine Zigaretten. Freiheit total. Ein Extremreisender. Ein ästhetischer Wanderer der Welten, der nur die Straße sein Heim nennt, denn "The West is the best". Und nun, nach zwei Jahren der Wanderschaft, kommt das ultimative und größte Abenteuer. Es gilt, die letzte Schlacht zu schlagen, die zur zweiten Natur gewordene Falschheit auszumerzen und die spirituelle Wallfahrt siegreich zu beenden. Zehn Tage und Nächte auf Güterzügen und per Anhalter bringen ihn in den großen weißen Norden. Auf der Flucht vor dem Gift der Zivilisation durchschreitet er allein das Land, um sich in die Wildnis zu verlieren.

Alexander Supertramp, Mai 1992"


Cover: In die Wildnis

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