Im Westen nichts Neues

Diesen Monat haben wir einen echten Klassiker, genaugenommen eines der erfolgreichsten deutschen Bücher aller Zeiten. Der Titel ist inzwischen extrem bekannt und wird gern und oft für allerhand Sprichwörter und Zeitungsschlagzeilen benutzt, und in fast jeder Deutschstunde gehört das Remarques Buch zur Standardliteratur.

Dutzende von Wehrdienstverweigerern berufen sich in ihrer Begründung auf Remarques Werk, und das aus gutem Grund, denn selten wurde der Krieg so eindringlich und, nun, überzeugend geschildert - es mangelt nicht an Heldentaten und Männlichkeit, aber es ist kein bisschen Heroismus zu spüren, und am Ende bleibt nur Verzweiflung. Wer "Im Westen nichts Neues" noch nicht gelesen hat oder dies bisher nicht wollte, sollte zumindest einen Blick hineinwerfen, denn es gehört sicherlich mit zu den besten deutschen Büchern, die jemals Im Westen Nicht Neues - Buchcover geschrieben worden sind.

"Der Krieg hat uns weggeschwemmt. Wir sind von ihm ergriffen worden und wissen nicht, wie das enden soll. Was wir wissen, ist vorläufig nur, dass wir auf eine sonderbare und schwermütige Weise verroht sind, obschon wir nicht einmal oft mehr traurig werden."

Schauplatz des Geschehens ist Deutschland im Ersten Weltkrieg, und die Handlung dreht sich um ein paar junge Männer, alle um die 19 Jahre alt, alle aus der gleichen Schulklasse und alle ohne Vorstellungen vom Krieg. Umgemein unterhaltsam schildert Remarque das Leben der jungen Männer - allen voran Paul Bäumer, der Ich-Erzähler des Buches - als Soldaten an der Front.

Zunächst kann der Leser dem Frontleben sogar Sympathie entgegenbringen, denn es ist von Kameradschaft die Rede, von gemütlichen Skatnachmittagen im Grünen, von lustigen Schuljungen-Streichen gegen die Obrigkeit.

Doch mit der realistischen, zumeist sehr nüchternen Schilderung der eigentlichen Kriegshandlungen merkt der Leser: diese jungen Männer sind schon längst gewaltsam erwachsen geworden. Und am Ende bleibt einzig und allein die Erkenntnis: Krieg ist sinnlos, und Krieg ist entsetzlich. Denn von den Freunden wird kein einziger das Buch überleben; der letzte Paragraph des Buches (der hier nicht vorweggenommen werden soll), in dem der Erzähler plötzlich von der Ich-Form in die des Beschreibers wechselt, gehört zu den besten und trostlosesten im Buch.

Man merkt Remarque an, dass er den Krieg selbst erlebt hat, und er legt schonungslos und teilweise recht drastisch offen, was mit "Kriegsheldentum" gerne schöngeredet wird - die Todesangst der völlig naiven und unvorbereiteten Rekruten, die zerfetzten Körper und andere Erfahrungen, die eine Rückkehr in das normale Leben für die damaligen Schulabgänger unmöglich machen.

Auszug:

"Es wird stiller, doch das Schreien hört nicht auf.
'Was ist los, Albert?' frage ich.
'Drüben haben ein paar Kolonnen Volltreffer gekriegt.'
Das Schreien dauert an. Es sind keine Menschen, sie können nicht so furchtbar schreien. Kat sagt: 'Verwundete Pferde.'
Ich habe noch nie Pferde schreien gehört und kann es kaum glauben. Es ist der Jammer der Welt, es ist die gemarterte Kreatur, ein wilder, grauenvoller Schmerz, der da stöhnt.

Detering richtet sich auf: 'Schinder, Schinder! Schießt sie doch ab!' Er ist Landwirt und mit Pferden vertraut. Es geht ihm nahe. Und als wäre es Absicht, schweigt das Feuer jetzt beinahe. Um so deutlicher wird das Schreien der Tiere. Man weiß nicht mehr, woher es kommt in dieser jetzt so stillen, silbernen Landschaft, es ist unsichtbar, geisterhaft, überall, zwischen Himmel und Erde, es schwillt unermesslich an - Detering wird wütend und brüllt: 'Erschießt sie doch, verflucht nochmal!' (...)

Wir können alle etwas vertragen. Hier aber bricht uns der Schweiß aus. Man möchte aufstehen und fortlaufen, ganz gleich wohin, nur um das Schreien nicht mehr zu hören. Dabei sind es doch keine Menschen, nur Pferde."

Paradoxerweise liest sich dieses Buch sehr unterhaltsam, spannend, leicht - ideal eigentlich, aber das Thema ist schwer verdaulich, eindringlich geschrieben und so wird die Geschichte mit all ihren Eindrücken lange im Gedächtnis bleiben. Ganz Zartbesaitete können einige Passagen überspringen, aber gerade die schonungslosen Schilderungen machen das Buch zur eindrucksvollsten Anklage des Krieges, die es je gab. Meiner Meinung nach ist Remarques Werk ein absolutes Muss für jeden Leser, gerade in der heutigen Zeit mit all ihren heroischen, prunkvollen Kriegs- und Heldengeschichten wie Pearl Harbor oder James Ryan.

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