"Im 18. Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden."
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Auch in diesem Monat stelle ich wieder einmal einen Klassiker vor (ich glaube, ich decke sie alle ab und widme mich dann den exotischeren Dingen ;-)), diesmal aber ein Klassiker eines deutschen Autors. Das Buch ist recht neu (1985), hat sich aber bereits einen Platz in der internationalen Literatur und eben in der Welt der Klassiker erkämpft. Und das auf jeden Fall gerechtfertigt: Süskinds Werk "Das Parfüm" deckt alles ab von spannend über faszinierend bis hin zu schlichtweg genial.
Sprachlich ist das Buch unglaublich virtuos, inhaltlich erstaunlich, anders und absolut fesselnd. Schon lange wurde in Deutschland kein so sinnliches Buch mehr geschrieben - sinnlich in Bezug auf Sprache und Erzählstil, sinnlich aber auch in direkter Verknüpfung mit dem Thema: Wie der Titel erahnen lässt, geht es um Parfüms, Gerüche und um unsere Nase, ein weithin vernachlässigtes Sinnesorgan.
Süskind erzählt die Geschichte von Jean-Baptiste Grenouille (was auf deutsch in etwa "Kröte" bedeutet), der am 17. Juli 1738 auf dem stinkendesten Platz von ganz Paris, dem Cimetière des Innocents, geboren wird. Kaum auf der Welt, versucht seine Mutter ihn auch schon loszuwerden:
"Und als die Presswehen einsetzten, hockte sie sich unter den Schlachttisch und gebar dort, wie schon vier Mal zuvor und nabelte mit dem Fischmesser das neugeborene Ding ab. Dann aber, wegen der Hitze und des Gestanks, den sie als solchen nicht wahrnahm, sondern nur als etwas Unerträgliches, Betäubendes - wie ein Feld voller Lilien oder wie ein enges Zimmer, in dem zu viele Narzissen stehen - wurde sie ohnmächtig, kippte zur Seite, fiel unter dem Tisch hervor mitten auf die Strasse und blieb dort liegen, das Messer in der Hand."
Grenouille beweist von nun an einen schier unglaublichen Überlebenswillen.
Er wechselt allerdings im Laufe seiner Entwicklung mehrfach
Ammen
und Betreuerinnen, denn sie wollen allesamt nichts mit dem unschuldig
aussehenden Kind zu tun haben. Der Grund dafür erschließt
sich dem Leser erst ein wenig später: Grenouille ist das einzige
Wesen, das keinen Eigengeruch hat. So bleibt er für alle anderen
ein Rätsel, ein Unsichtbarer, jemand, der nicht existieren darf
und trotzdem da ist. Paradoxerweise ist der Junge dazu mit einem unglaublichen
- übermenschlichen - Geruchssinn ausgestattet:
Er kann nicht nur Menschen und Gegenstände absolut präzise
am Duft erkennen, er kann auch Geld durch Wände riechen und das
Kommen von Besuch vorhersagen. Desweiteren entwickelt sich Grenouille
zu einem Sammler und Jäger von Gerüchen, die der ansonsten
völlig Gefühllose in seinem Kopf aufbewahrt, katalogisiert
und bei Bedarf geistig hervorholt. Und dann geschieht es eines Tages:
Jean-Baptiste findet am Ufer der Seine einen besonderen Geruch, einen
mörderisch guten, ohne den er glaubt, nicht mehr leben zu können.
Er folgt diesem Geruch bis zu seiner Quelle -
"Die Quelle war das Mädchen. (...) Er
ging langsam auf das Mädchen zu, immer näher, trat unter das
Vordach und blieb einen Schritt hinter ihr stehen. Sie hörte ihn
nicht. Sie hatte rote Haare und trug ein graues Kleid ohne Ärmel.
Ihre Arme waren sehr weiß und ihre Hände gelb vom Saft der
aufgeschnittenen Mirabellen. Grenouille stand über sie gebeugt
und sog ihren Duft jetzt völlig unvermischt ein, so wie er aufstieg
von ihrem Nacken, ihren Haaren, dem Ausschnitt ihres Kleides, und ließ
ihn in sich hineinströmen wie einen sanften Wind. Ihm war noch
nie so wohl gewesen. Dem Mädchen aber wurde es kühl. (...)
Und sie legte ihr Küchenmesser weg, zog die Arme an die Brust und
wandte sich um.
Sie war so starr vor Schreck, als sie ihn sah, dass er viel Zeit hatte,
ihr seine Hände um den Hals zu legen."
Nach diesem Erlebnis reift in Jean-Baptiste ein teuflischer Plan: Er möchte der größte und genialste Parfumeur aller Zeiten werden. Und zu diesem Zweck möchte er der Welt bestes Parfüm entwerfen - einen Duft aus Jungfrauen.
Wenn sich dies für den Leser ekelhaft und zu sehr nach plattem Lustmord anhört, dann wird es dem Buch nicht gerecht. Denn "Das Parfüm" ist ein absolut geniales und elegantes Buch, in dem die Morde an sich nicht im Vordergrund stehen, und wenn doch, dann in faszinierender Form. Denn dem Mörder geht es nicht um den Menschen, sondern einzig allein um seinen Duft, der ihm eine Identität verleiht und ihm ein Gesicht gibt - über das Grenouille selbst nicht verfügt. Als Ausgestoßener der Gesellschaft jagt er nach den wirklich seltenen Gerüchen, nämlich nach den Gerüchen jeder Menschen, die es wert sind, geliebt zu werden.
Das Vergnügen für den Leser ist durch Süskinds ausschweifende Schilderungen von Gerüchen sehr hoch, und so wird einem erst mit der Lektüre der Geschichte bewusst, wie wenig man sich auf seine Nase verlässt und wie sehr Gerüche unser Leben und unsere Sympathien zu anderen beeinflussen - längst ist der Zusammenhang zwischen Pheromonen (Sexuallockstoffen) und Partnerwahl bewiesen, außerdem, das Gerüche unser Gehirn und unsere Emotionen stark beeinflussen. In "Das Parfüm" werden Gerüche und alles, was damit zu tun hat, wunderschön geschildert, so dass man fast glaubt, einen bestimmten Geruch selbst in der Nase zu haben:
"Der Duft war so himmlisch gut, dass Baldini
augenblicklich die Tränen in die Augen traten. (...) Das Parfüm
war herrlich. Es war im Vergleich zu 'Amor und Psyche' wie eine Sinfonie
im Vergleich zum Gekratze einer einsamen Geige. Und es war mehr. Baldini
schloss die Augen und sah sublimste Erinnerungen in sich wachgerufen.
Er sah sich als einen jungen Mann durch abendliche Gärten von Neapel
gehen; er sah sich in den Armen einer Frau mit schwarzen Locken liegen
und sah die Silhouette eines Strauchs von Rosen auf dem Fenstersims,
über das ein Nachtwind ging; er hörte versprengte Vögel
singen und von Ferne die Musik aus einer Hafenschenke; er hörte
Flüsterndes ganz dicht am Ohr, ein hörte ein Ichliebdich und
spürte, wie sich ihm vor Wonne die Haare sträubten, jetzt!
jetzt in diesem Augenblick! Er riss die Augen auf und stöhnte vor
Vergnügen."
Das Parfüm ist ein Muss und ein Erlebnis. Inzwischen ist es auch
als Taschenbuch erhältlich und kostet 18 Mark, die gebundene Ausgabe
knapp 40 Mark, das Hörbuch 118 Mark (8 Kassetten) und ebenfalls
118 Mark für 8 CDs. Inzwischen gibt es (da das Buch gerne für
Schule und Uni benutzt wird) zahlreiche Interpretationen und Arbeitsmaterialien
dazu.
Links zu Patrick Süskind:
Links zu Gerüchen & Psyche:
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