
Mit dem Medicus entführt der Autor Noah Gordon den Leser in die schillernde, gefährliche und bisweilen abstoßende, aber immer interessante Welt des Mittelalters. Die Erzählung beginnt etwa im Jahr 1000 n.Chr. in London - nicht dem schönen, ehrwürdigen London von heute, sondern einem von Armut und Elend geprägten, stinkenden und im Wandel begriffenden London. Hier verliert der 9jährige Rob Cole durch Krankheit zuerst seine Mutter, dann seinen Vater. Nachdem seine jüngeren Geschwister unter Nachbarn und Handwerkern 'aufgeteilt' wurden, bleibt er als Ältester einem ungewissen Schicksal entgegenblickend und verzweifelt zurück.
Doch wenige Tage später klopft ein überaus merkwürdiger, dicker Mann an seine Tür und bietet Rob eine Stelle als Lehrjunge an - es ist der Bader, der mit seinem bunt bemalten Holzwagen und dem Schimmel Incitatus durch die Dörfer zieht und dort neben der Vorführung von allerhand Kunststückchen und unterhaltsamen Liedern vor allem Kranke behandelt.
So wird Rob ein Baderchirurg, aber bis dahin ist es ein weiter Weg, auf dem der Junge viele neue und seltsame Fertigkeiten lernt und an dessen Ende er erwachsen geworden ist. Mit den Jahren wächst in Rob eine neue Sehnsucht heran - er möchte ein richtiger Arzt werden, ein Medicus, und kein Gaukler und Bader bleiben. Doch Medicus werden, das geht nur im fernen Land Persien, von dem Rob gehört hat, und nur, wenn man Jude ist. Was unmöglich erscheint, wird nach und nach zu einem wahnwitzigen, gefährlichen und doch mit großer Kühle und Präzision durchgeführten Plan - Rob wird nach Persien reisen, er wird sich als Jude ausgeben und er wird den Saum des Mantels von jenem Mann berühren, dessen Name nur ehrfürchtig geflüstert wird: Abu Ali ibn Sina, dem Arzt aller Ärzte....
Leseprobe:
Als Rob das Kapitel zu Ende gelesen hatte, kehrte er zu Biláls Bett zurück. Der Vater war fort. Ein strenger Mullah beugte sich wie ein großer Rabe über den Jungen und sprach Verse aus dem Koran, während das Kind auf seine schwarze Kleidung starrte. Rob schob den Strohsack so, dass der Kleine den Mullah nicht mehr ansehen musste. Auf einem niedrigen Tisch hatte ein Pfleger drei Granatäpfel zurückgelassen, die bei der Abendmahlzeit gegessen werden sollten.
Rob ergriff sie und schleuderte sie nacheinander in die Luft, bis sie von einer Hand über seinen Kopf zur anderen flogen, genau wie in alten Zeiten. Er war natürlich nicht mehr geübt, aber mit nur drei Gegenständen hatte er keine Schwierigkeiten, und so vollführte er mit den Früchten ein paar Tricks.
Die Augen des Knaben wurden so rund wie die fliegenden Granatäpfel.
"Jetzt brauchen wir nur noch eine Melodie!" Er kannte kein persisches
Lied, aber er wollte etwas Lebhaftes. Schließlich stimmte er heiser des
Baders altes Liebeslied an:
"Deine Blick liebkosten mich einst
Deine Arme umfangen mich jetzt
Drum schwöre keinen sinnlosen Eid
in mein Bett kommst du doch noch zuletzt."
Das war bestimmt nicht das passende Lied für ein sterbendes
Kind, doch der Mullah, der ungläubig Robs Possen bestaunte, sorgte für
etwas Feierlichkeit und ein Gebet, während Rob etwas Lebensfreude beisteuerte.
(...)
Er sang Bilál mehrere Strophen vor und sah dann, wie sich der Körper
des Kindes in einem letzten Krampf zu einem Bogen krümmte.
(...)
Der Mullah sang immer noch mit gekreuzten Augen aus dem Koran. Seine Augen funkelten; er war imstande, gleichzeitig zu beten und zu hassen. Zweifellos würde er sich darüber beschweren, dass der Dhimmi ein Sakrileg begangen hatte, aber in seinem Bericht würde nicht stehen, dass Bilál kurz vor seinem Tod noch gelächelt hatte."
Ich habe dieses Buch so oft gelesen, dass es völlig auseinanderfällt,
und ich kann es trotzdem wieder und wieder lesen. Was Gordon beschreibt, ist
einerseits
spannende Erzählung und andererseits Historienroman, verknüpft in
einer absolut erstaunlichen und unendlich faszinierenden Geschichte, in der
Kulturen aufeinanderprallen: Als England und ganz Westeuropa praktisch noch
im Morast des finstersten Mittelalter steckten, war in Persien bereits eine
unvergleichliche Hochkultur erblüht, in der Medizin, Politik und Wissenschaft
viel weiter entwickelt waren.
Das unglaublich gut recherchierte Buch eröffnet eine Vielzahl von Perspektiven, die man hier einfach nicht erschöpfend beschreiben kann; so erfährt der Leser viel Wissenswertes über den jüdischen Glauben, über das Mittelalter und wie die Menschen dort lebten, über die Kultur Persiens und Europas. Überhaupt passiert viel, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann - Robs Reise nach Persien, die er per Pferd, Schiff und Karawane unternimmt, dauert mehrere Jahre. Der Leser wächst in seinem Wissen sozusagen mit dem Protagonisten, der in England als Waise aufwächst und dann als Mann den Mut aufbringt, seinen Traum zu verwirklichen - obwohl die Kosten für diesen Traum immens hoch sind.
Ich gehe so weit, zu behaupten, dass der Medicus das beste Buch ist, dass ich je gelesen habe, und das heißt schon was ;-). Es ist unterhaltsam und spannend, ernsthaft und tragisch, hat aber auch viel Witz und ist liebevoll und extrem detailliert geschrieben.
Das Taschenbuch hat rund 700 Seiten und kostet nur etwa unglaubliche 9 Euro - lohnt sich unbedingt (gebraucht auch erheblich billiger, z.B. über ebay) ! Fast schon ein Pflichtbuch *g*
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