John Irving - Witwe für ein Jahr

Weil Irving einer meiner Lieblingsschriftsteller ist, widme ich ihm im März ein paar Zeilen mehr.

An die Jungs: Keine Panik, nur weil dieses Buch "Witwe für ein Jahr" heißt, ist es noch lange kein typisches Frauenbuch ;-). John Irving ist ja mittlerweile sehr bekannt und steht für absolut skurrile und unterhaltsame Geschichte, meist mit ziemlich hohem Dramatik- und manchmal auch Beziehungskistenfaktor; Erotik kommt irgendwie auch nicht zu kurz. Die Handlungsstränge sind oft recht komplex, am Ende werden sie aber immer meisterhaft zusammen geführt.

Beliebte und immer wiederkehrende  Motive bei Irving sind Motorräder, Bären (oft auf Einrädern), Ringer bzw. alles, was mit Ringen zu tun hat (gemeint ist der Sport), und Schriftsteller. Wer noch nie ein Buch von Irving in der Hand hatte, dem rate ich dazu. Der Mann ist einfach zum Brüllen komisch, respektlos und voller aberwitziger Einfälle, andererseits sind seine Bücher voller seltsam trauriger Wandlungen, oft genug zum Weinen, glücklicherweise meistens aber zum Schmunzeln oder Lachen.

Bevor es um sein neuntes "Witwe für ein Jahr" geht, lohnt es sich erstmal, einen kurzen Blick auf seine anderen Bücher zu werfen - wer lieber gleich zum Buch des Monats kommen will, klickt hier

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Garp und wie er die Welt sah (1979)

- großartig verfilmt mit Robin Williams.

Die Geschichte von Garps Kindheit, geprägt durch allerlei seltsame Unfälle (als der verhasste Nachbarshund Bonkers Garp ins Ohr beißt, rächt er sich kurzerhand und beißt dem Köter ebenfalls ein Ohr ab), erste Kontakte mit dem Ringsport und dem weiblichen Geschlecht, bis hin zu seiner Karriere als erwachsener Schriftsteller ist absolut lesenswert und sehr witzig, aber auch tragisch. Wer das Buch nicht lesen mag, sollte sich den Film anschauen, der macht richtig Lust auf Irving!

ausführliche Rezension von amazon.de:

"Garp war von Natur aus ein Geschichtenerzähler", sagt der Erzähler in John Irvings packendem Roman, und meint damit den Protagonisten des Buches, den Romanautor Garp, der mit Irving einiges gemeinsam hat. "Er konnte sich eine Sache nach der anderen ausdenken, und alles paßte irgendwie zusammen." Garp und wie er die Welt sah

In Irvings Klassiker (so bezeichnet in einer Ausgabe des amerikanischen Verlages Modern Edition und mit neuem Vorwort des Autors) gibt es viele verrückte Charaktere und grotesque Szenen, und dennoch ist jede Szene irgendwie realistisch und jede Person irgendwie lebendig. Zwar finden sich sicher viele Romanautoren aus Irvings Generation, die einen Roman mit einem Romanautor als Protagonisten besetzt haben, dessen Leben und Bücher sich sowohl gegenseitig als auch im vorliegenden Buch spiegeln. Transsexuelle Football-Spieler, Revolverhelden, die sich gegenseitig das Hirn rausschießen, mehrfacher Ehebruch, Bären auf Einrädern, wahnsinnige Feministinnen, die sich die Zunge aus Mitgefühl mit dem gefeierten Opfer einer scheußlichen Vergewaltigung abschneiden - bei Irving jedoch werden sie alle zu Menschen.

Selbst der Bär paßt ins Buch. In einer Schlüsselszene verführt Garps Frau gerade einen jungen Mann, als Garp seine jungen Söhne mit einem rücksichtslosen Autotrick erfreut (eine der wenigen Szenen, die auch in der Filmversion auf wunderschöne, unheimliche und herzzerbrechende Weise realisiert sind). Viele Autoren wären schon mit der Situationskomik zufrieden gewesen, doch bewahrt Irving die Ganzheit dieser Szene, indem der Rest des Buches darauf aufbaut.

Die Frage, wie es der Autor schafft, mit solch einer tödlichen Mischung aus Slapstick und Horror bei den Lesern durchzukommen, läßt sich nur folgendermaßen beantworten: das Buch spiegelt genau das wieder, was wir tagein tagaus erleben, mit dem Unterschied, daß Irving eine Kunst daraus macht. In den Worten von Garp ist das Leben "eine verbotene Seifenoper", und wer kann ihm da schon widersprechen? Wer Garp zwanzig Jahre nach dessen Erstveröffentlichung liest, ist verblüfft, auf welch elegante Weise Irving seine bizarre und komplexe Geschichte strukturiert.

So z.B. die beiden bekanntesten Episoden des Buches, die vom "Under Toad" ("toad" bedeutet "Kröte" im Englischen und ähnlich klingt auch "tow" das soviel wie "Sog" oder auch "ziehen" bedeutet ) und Garps Geschichte von "The Pension Grillparzer", die wie ein bernsteinfarbenes kafkaeskes Insekt durch den Roman hindurchschimmert. Als Garp seinen Sohn vor dem "undertow", dem Unterstrom, des Meeres warnt, stellt sich sein Sohn ein Monster vor, den "Under Toad", eine Art Kröte, das unter den Wellen lauert um ihn in die Tiefe zu ziehen.

Dieses eher erheiternde Mißverständnis wandelt sich bald in etwas Bedrohliches, sobald der Leser die Parallele zu einem Traum in "The Pension Grillparzer" erkennt, in dem der Tod prophezeit wird. Garps letzte Worte sind "Es ist wie ein Traum!" Und Irving, der in Wien studiert hat, machte sich die Ähnlichkeit des englischen "Toad" mit dem deutschen "Tod" zunutze. Bei so viel Tod ist Garp dennoch vor allem eine lebhafte Geschichte und gleichsam eine Bereicherung für die Literatur und für unser Leben. Wie Garps stottender Lehrer es ausdrückt: "voll von Wah-ah-Wahnsinn und Trauer". Das Buch ist nicht nur eine Bereicherung für die Literatur, sondern bereichert auch unser Leben.

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Zirkuskind (1995)

auch eins der neueren Werke und von der Länge her ein echter Schinken, aber sehr unterhaltsam und in der Auflösung des Plots ein echtes Meisterstück. Die Geschichte spielt in Indien; der Leser trifft unter anderem einen Arzt, der ein Zwergen-Gen finden möchte und deshalb Liliputanern im Zirkus regelmäßig Blut abzapft, außerdem einen transsexuellen Mörder , ein Hippie-Mädchen, das Drogen in einem riesigen Dildo schmuggelt, und und und... Cover: Zirkuskind
Dieses Buch ist mit seinen knapp 1000 Seiten wirklich vielseitig, ausgesprochen skurril und lesenswert vor allem für diejenigen, die schon einmal in Indien waren.

Kurzbeschreibung von amazon.de:

Irvings turbulente Geschichte spielt zum größten Teil in Bombay. Held ist der pummelige Arzt Dr. Daruwalla, dessen Hauptaufgabe es ist, Blutproben von Zwergen in indischen Zirkussen zu untersuchen, um das "Zwergen-Gen" zu lokalisieren. Seine Freizeit verbringt er vorzugsweise im Golfclub. Dort hat er auch Zeit darüber nachzudenken, wer das Clubmitglied auf dem Gewissen hat, das im Gebüsch beim neunten Loch tot entdeckt wurde. Als weitere handelnde Personen treten auf: ein Hippie-Mädchen aus Iowa, das einen indischen Polizeikommissar liebt, ein brutaler Transsexueller, ein deutscher Drogenhändler, ein gefeierter Filmstar nebst seinem jesuitischen Zwilling, eine kastrierte Transvestiten-Prostituierte.

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Das Hotel New Hampshire (1982)

Irvings wohl bekanntestes Buch, verfilmt mit (unter anderem) Jodie Foster, habe ich selbst aber nicht gelesen.

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Die wilde Geschichte vom Wassertrinker (1989)

für Irvings Maßstäbe recht kurz, aber auch hochunterhaltsam: "Der Wilde Wassertrinker" ist Bogus Trumper , der sich aus Versehen einen Tripper eingefangen hat und nun auf Anraten eines Arztes Unmengen von Wasser in sich hineinschütten muss - eine dumme Sache, wenn man zum Beispiel einen Seitensprung plant...

Weitere Bücher von Irving sind:

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Jetzt aber endlich zu:

Witwe für ein Jahr (1999)

Das ist die Geschichte von Eddie, der für einen Sommer als Praktikant bei dem Schriftsteller Ted Cole wohnt, außerdem die Geschichte der bezaubernden Marion Cole, die von ihrem Mann betrogen wird, und vor allem die Geschichte von Ruth Cole, die gerade mal vier Jahre alt ist, als Eddie ihr Babysitter wird und sich in ihre Mutter verliebt.

Bemerkenswert an dem Buch ist, dass es aus der Sicht einer Frau geschrieben ist, aber eben von einem Mann, und zwar sehr gut und ohne irgendwelche Plattheiten.

Der Leser begegnet Ruth an drei Wendepunkten ihres Lebens: 1958, im Alter von vier Jahren, dann im Herbst 1990 als unverheiratete Schriftstellerin in Frankfurt und Amsterdam (wo sie im Rotlichtviertel ungewollt den Mord an einer Prostituierten mitansieht) - eine Zeit, in der Ruths Leben eher Tiefen als Höhen hat und sie "schlimme Freunde" trifft; und schließlich 1995 auf Long Island in Ruths Geburtshaus - Ruth ist 41 Jahre alt, Witwe und Mutter und verliebt sich zum ersten Mal. "Witwe für ein Jahr" ist eine Liebesgeschichte, aber ohne Kitsch, und eine Familiensaga, aber ohne Längen.

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Über John Irving: John Irving

Geboren wurde Irving 1942 in Exeter, New Hampshire; er besuchte die High School in Neuengland. Irving studierte in Iowa, Harvard und Wien (daher der häufige Bezug auf Wien in seinen Büchern), wurde Dozent an einer Uni. Heute ist er ein internationaler Bestsellerautor.

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Links zu John Irving:

Autoren-Portrait bei leselust.at
John Irving - eine Fanseite
A very unofficial John Irving Page

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