
von Dai Sijie
Diesen Monat stelle ich ein Buch vor, dass mich seit langem mal wieder so richtig begeistert hat - "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin", geschrieben von dem chinesischen Schriftsteller Dai Sijie, erschienen 2001 in deutscher Übersetzung. Wer aufgrund des etwas sperrigen Titels noch zögert, sollte einen Blick in den Klappentext werfen, dort heißt es: "Wenn Sie in diesem Jahr nur einen einzigen Roman lesen, denn lesen Sie diesen". Absolut zutreffend! Eine solch leichtfüßig erzählte, poetische und wunderbare Geschichte gab es lange nicht mehr zu lesen....
"Wir flüsterten Namen in
die Dunkelheit
und der Klang der Worte, die Reihenfolge der Silben beschworen fremde,
geheimnisvolle Welten"
Die Handlung spielt im kommunistischen China der 70er Jahre und erzählt
dem Leser von zwei jungen Studenten, die zur "Umerziehung" in
ein
gottverlassenes
Bergdorf geschickt werden. Dort haben sie nicht nur mit den Widrigkeiten
des harten Bauernlebens zu kämpfen, sondern auch mit dem gestrengen
Laoban, dem Dorfältesten, und vor allem mit den deprimierenden Gedanken,
dass sie als Söhne von inhaftierten Intellektuellen kaum eine Chance
haben, das Bergdorf jemals wieder zu verlassen.
Zwei Dinge retten ihnen das Leben: Zum einen eine entzückende chinesische Schneiderin, in die sich der 17jährige Luo Hals über Kopf verliebt, und zum anderen ein mysteriöser Koffer voller westlicher - und deshalb hochgefährlicher - Weltliteratur. Wie also nun das Herz der kleinen Schneiderin erobern und an den Koffer mit den verbotenen Schriften von Balzac, Mellville und Gogol gelangen?
Leseprobe:
"Er füllte die Petroleumlampe nach. Als der Docht vollgesaugt war, nahm er sie in die linke Hand, setzte sich mit flackerndem Blick und wirr in alle Richtungen abstehendem Haar auf die Bettkante. Er zog ein gefaltetes weißes Stück Stoff aus der Tasche. 'Hat die kleine Schneiderin dir ein Taschentuch geschenkt?'
Als er das Stück Stoff feierlich auseinanderfaltete, stellte ich fest, dass es sich um einen Hemdzipfel mit einem von Hand aufgenähten Flicken handelte. Ein paar verschrumpelte Blätter waren darin eingewickelt, schöne, schmetterlingsförmige, orangefarben bis hell-goldgelb gesprenkelte Blätter mit bräunlichen Blutflecken.
'Ginkoblätter', sagte Luo fiebrig. 'Von einem riesigen
Baum zuhinterst in einem abgelegenen Tal östlich vom Dorf der kleinen
Schneiderin. Wir haben uns dort geliebt. An den Baum gelehnt.... Im Stehen.
Sie war noch Jungfrau, schau, ihr Blut ist auf die Erde getropft, auf
die Blätter hier...'
Ich war wie vom Donner gerührt. Ich versuchte, mir den Baum, seinen
majestätischen Stamm, das ausladende Astwerk, den Blätterteppich
darunter vorzustellen. ... 'Im Stehen?' fragte ich schließlich ungläubig,
'Ja, wie die Pferde. Vielleicht hat sie danach deswegen so gelacht, ein
lautes, wildes Lachen, das im Tal widerhallte.... sogar die Vögel
sind erschrocken davongeflogen.' "
"Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" macht nach der Lektüre der ersten Seite süchtig - eine wundervolle, traurige und auch komische Liebesgeschichte auf knapp 200 Seiten, eine Liebeserklärung an die Literatur und eine ungemein außergewöhnliche Geschichte. Ich denke, diese Buch ist auf dem Weg, ein geheimer Klassiker zu werden.
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