Ja ja, diesen Monat bin ich spät dran - ist immerhin schon der 19. (!!!).
Hatte aber schlicht und ergreifend keine Zeit... Diesmal wagen wir uns "In
eisige Höhen", und zwar mit dem amerikanischen Journalisten und Bergsteiger
Jon Krakauer, der 1996 an einer Mount-Everest-Expedition teilnahm, um seiner
Zeitung eine gute Reportage über die fortschreitende Kommerzialisierung
des Alpinismus zu liefern.
Es war eine Expedition mit tragischem Ausgang, denn am Ende waren fünf
von Krakauers Mit-Bergsteigern tot und er selbst nur knapp dem Tode entronnen.
Die Zeitungen waren vor 5 Jahren voll von dieser wahren Geschichte, ich selbst
kann mich noch erinnern, Auszüge aus Krakauers Bericht im "Stern"
gelesen zu haben.
Das Buch packt von der ersten Seite an den Leser total - es beginnt bezeichnenderweise
mit dem Ende der Geschichte: Krakauer, völlig erschöpft und zu keiner
Begeisterung mehr fähig, erreicht am Mittag des 10. Mai 1996 den Gipfel
des Mount Everest.
Wirklich freuen kann er sich, durch den Sauerstoffmangel schon halb im Delirium,
nicht mehr, und nach etwa 5 Minuten auf dem Dach der Welt beginnt Krakauer seinen
Abstieg zum Lager zurück. Einen Hauch von einem Unwetter sieht er zwar
kommen, er kann die kleinen Wölkchen am Horizont aber mit seinem benebelten
Gehirn nicht so recht einordnen und macht sich keine Gedanken. Am Ende des langen
Tages werden allerdings fünf Leute tot und andere nur sehr knapp mit dem
Leben davongekommen sein. Der Leser weiß also schon sehr genau, was passieren
wird, aber das tut der Spannung keinen Abbruch.
Krakauer schreibt sehr minutiös, extrem packend, ehrlich und auch unterhaltsam
- und dem Leser ziehen Gedanken durch den Kopf von "ihr Idioten, warum
kehrt ihr nicht um ?" bis hin zu "geil, das würde ich auch gern
machen". Denn das Buch ist zwar einerseits eine Anklage der modernen Auswüchse
des kommerziellen Alpinismus - immerhin mussten die Expeditionsteilnehmer eine
riesige Summe für den Aufstieg bezahlen - andererseits aber weckt es Abenteuerlust
und fast so etwas wie Verständnis für den - drastisch gesagt - absolut
schwachsinnigen Drang, den Gipfel zu erklimmen. Krakauer schildert die Natur
und die rauhe Atmosphäre des Berges so phantastisch, dass man sich am liebsten
gleich auf den Weg machen würde...
Trotzdem: Vor allem weil das Buch die Personen, die an dem Unglück beteiligt
waren, so genau beschreibt, sie praktisch wieder zum Leben erweckt und auch
mit Bildern nicht geizt, wird "In eisige Höhen" den Leser lange
Zeit nicht mehr loslassen und ihn betroffen machen.
Sehr bedrückend war für mich die Erkenntnis, dass der katastrophale
Ausgang des Gipfelsturmes teilweise das Ergebnis vieler kleiner und absolut
unverzeihlicher Fehler war - für sich genommen vielleicht unbedeutet, aber
summiert brachten diese kleinen Nachlässigkeiten insgesamt fünf Menschen
den Tod - so starb die Japanerin Yasuko Nambo nur 15 Minuten vom rettenden Lager
entfernt.
Betroffen macht auch Jon Krakauers Resumee, dass in jener Saison die "Todesquote"
(im Mai 1996 starben insgesamt 12 Menschen auf dem Mount Everest) eigentlich
geringer war als in anderen Jahren - nicht außergewöhnlich also.
Am Ende bleiben viele Rätsel, die auch Krakauer selbst, der sich für
den Tod zweier Kameraden verantwortlich fühlt, nicht beantworten kann.
Wie konnte es passieren, dass absolut erfahrene Bergführer eine solche
Fehleinschätzung vornahmen und ihre weit weniger kompetenten Kunden auf
den Gipfel führten, obwohl das Wetter schlecht und der Tag schon viel zu
weit vorangeschritten war? Wie konnte es sein, dass Beck Weathers, der wie durch
ein Wunder halbtot ins Lager zurückgewankt kam, noch zweimal im Stich gelassen
wurde?
Der Vollständigkeit halber muss hier noch gesagt werden, dass die Objekitivität
Krakauers manchmal zu wünschen übrig lässt - nach der Veröffentlichung
des Buches gab es eine regelrechte Schlammschlacht zwischen Krakauer und dem
inzwischen tödlich verunglückten Bergführer Anatoli Boukreev,
der seine Sicht der Dinge in dem Buch "Der Gipfel" beschreibt. Boukreev
verzichtet im Gegensatz zu Krakauer jedoch auf billige Schuldzuweisungen und
Vorwürfe.
Fazit: Das Buch heißt zwar "Drama am Mount Everest", aber es
nicht reißerisch und hat absolut nichts billiges an sich. Das eigentliche
Drama nimmt nicht den Hauptteil des Buches ein, und auch wer Bergsteigen ablehnt,
wird "Eisige Höhen" verschlingen. Unbedingt lesen!
Nachtrag am 30.7.2002:
So, inzwischen habe ich auch "Der Gipfel" von Anatoli Boukreev gelesen
(verschlungen, wie immer :-)), und ich empfehle es unbedingt allen, die eine
detailliertere, differenziertere und - meiner persönlichen Meinung nach
- auch ehrlichere Darstellung der Dinge wünschen. Es fehlt bei Boukreev
schlicht und einfach der Faktor "journalistisches Schreiben" und damit
der Druck, für eine trendiges Sportmagazin zu schreiben.
Um das ungute Gefühl an Krakauers Darstellung der Dinge nach der Lektüre
von Boukreevs Version etwas zu erklären, möchte ich kurz aus einer
Rezension von Krakauers Buch zitieren, die sich mit seiner Darstellung des russischen
Bergführers auseinandersetzt, dem übrigens keine ausreichende Gegendarstellung
in "Outside" gewährt wurde:
"Anatoli Boukreev wird hier (also in "In eisige Höhen") als sturer russischer Bergführer geschildert, der seinen Schutzbefohlenen nicht beisteht und in unverantwortlicher Weise auf den Gebrauch von Sauerstoff verzichtet. Nach der Krise erscheint er als unzuverlässiger, seiner Arbeit zu guter Letzt aber doch noch gerecht werdender Mitarbeiter und nicht als der Held, zu dem ihn vergangene Epochen wolh gemacht hätten.
Während Mr. Krakauer schlief und kein anderer, sei es Führer, Kunde oder Sherpa, die Kraft und den Mut aufbrachte, das Lager zu verlassen, unternahm Mr. Boukreev in einem nächtlichen Blizzard auf über 8000 Meter Höhe mehrere Alleingänge, um drei todgeweihte Kletterer zu bergen. Das Time-Magazin ließ ihn in seiner dreiseitigen News-Story unerwähnt, nachdem eine Dame der NewYorker Gesellschaft aus unerfindlichen Gründen nicht zugeben wollte, dass er sie gerettet hat.
(...) Obwohl Jon Krakauer Anatoli Boukreev gewisse Stärken zugesteht, versäumt er es, das grandiose Bild einer der erstaunlichsten Rettungsaktionen in der Geschichte des Alpinismus zu entwerfen, wenige Stunden nach der Ersteigung des Everest, ohne Sauerstoff, im Alleingang von einem Mann vollbracht.(...)"
Ich möchte mein Urteil über Krakauers packendes Buch also in soweit revidieren, als dass es eine teilweise höchst unvollständige Sicht der Dinge wiedergibt. Beide Bücher zu lesen ist wohl unverzichtbar, wenn man interessiert ist. Bei Krakauers Version drängt sich dem Leser aber stellenweise der Verdacht auf, er wolle Schuldzuweisungen an die völlig falsche Person machen. Traurig genug, dass bei einer solchen Tragödie überhaupt eine solche Schlammschlacht geführt werden musste.
Weitere Rezension zu Jon Krakauer in Elronds Haus: In die Wildnis
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